Intention
Die Gedanken sind gerade reif, wenn sie absurd sind. Mit diesem Satz ist für mich als Regisseur schon das grundsätzliche Dilemma eines jeden künstlerischen Schaffensprozesses angesprochen, besonders wenn es sich um eine so hochkomplexe Kunstform wie das Musiktheater handelt. Das Unmögliche träumen und dennoch auf dem Boden der Tatsachen – dem Notentext – bleiben. Phantasie und Verständnis für Spielraum sind genauso gefragt wie der kühle Blick auf das unter den jeweiligen Umständen Realisierbare. Zumeist aus genau dieser permanenten Spannung entstehen auch die spannendsten Interpretationen von Opernwerken. Der Umgang mit Phantasie und Machbarem ist mir zuerst durch meinen Cembalo-Unterricht bewusst geworden. Hier reicht es nicht, den Notentext genau wiederzugeben, es müssen Tempo, Verzierung, Akzidenzien nach Geschmack und Phantasie hinzugefügt werden. Diese können allerdings nur aus genauester Quellenkenntnis entspringen. Alte Musik ist immer neu und Neue Musik ist es auch. Hier wie da gibt es kein festes Standardrepertoire, keine festgelegten Lesarten, kein länderübergreifendes stilles Einverständnis der Inszenierungskonzeptionen, aber auch keine Tabula rasa.
Eine eigene Handschrift muss mit Inhalt gefüllt werden, sonst ist sie nur Form. Ich habe das ungeheure Glück gehabt, mit vielen namhaften Regisseuren zu arbeiten. Die Zeit als Regieassistent und Abendspielleiter ließ mich die Stärken und Schwächen verschiedener Arbeitsweisen im Musiktheater erkennen. Vor allem die Erfahrung der Arbeit im Ausland zeigte mir noch einmal, welche vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der fremde Blick auf ein Stück bietet. Mein umfassendes Repertoire an Opern (allein an den Premieren von über 45 Werken habe ich mitgearbeitet) legt einen wichtigen Grundstock. Bei jeder dieser Mit- und Zusammenarbeiten habe ich großen Wert auf eine kritische Distanz zur jeweiligen Produktion gelegt. Spannend war immer, sich etwas anderes parallel auszudenken und das Inszenierte daran zu überprüfen – es ist für mich als Regisseur der Zeitpunkt, an dem meine Gedanken auf dem Prüfstand stehen wollen.
Die Begeisterung kommt erst durch das Arbeiten und nicht davor! Klar, es gibt auch bei mir Lieblingskomponisten, mal aus rein musikalischer Sicht, mal aufgrund der dramatischen Qualität und auch mal aus wechselnden Launen heraus. Wenn man mich fragt: »Wie würdest Du das Stück XY machen?«, lautet meine Antwort: »Ich weiß es nicht!«. Erst einmal muss ich wissen, mit wem, wo, wann. Es gibt mit mir keine vorgefertigten, druckreifen Konzeptionen auf Abruf – das ist unbequem, aber authentisch! So richtig zündet der Funken doch erst bei der gemeinsamen Arbeit am Stück, vor allem wenn es möglich ist, eng mit dem Dirigenten zusammen zu arbeiten (leider heute eine Seltenheit). Von da an heißt es, das Feuer zu entfachen und am Brennen zu halten und das Tempo zu steigern. Zu frühe Begeisterung ist mir immer suspekt. Ich bin doch eher ein Ausdauer-Typ (privat bin ich aktiver Triathlet) – ich glaube, diese Haltung hängt eng damit zusammen.
Je mehr Fragen man hat, desto mehr Antworten bekommt man. Wer (sich) nicht fragt, tut das meist aus Unwissenheit oder Zögerlichkeit und der Angst, falsche Entschlüsse zu fassen. Viele Fragen zu stellen, an den Text, die Musik und den Kontext ist das Wichtigste. Dann muss man den Mut und die Gewissheit haben – die man nur aus langer Erfahrung gewinnt – die richtige künstlerische Lösung zum richtigen Zeitpunkt auszuwählen. Das ist die Verantwortung, der ich mich als Regisseur stelle.
Ich habe mich in so ziemlich alle Sparten eingemischt: meine Magisterarbeit habe ich über eine Bühnenkomposition von Kandinsky geschrieben, in der sich verschiedene Bildersprachen auf eine eigenwillige und immer noch moderne Art mischen und von deren Realisierung ich immer noch träume. Mit Daniel Barenboim und Harry Kupfer den Wagnerzyklus an der Staatsoper mit zu erarbeiten, war ein prägendes Erlebnis, dass mir Lust auf mehr gemacht hat. Mit Christoph Marthaler war ich am Rand des muskalischen Theaters unterwegs, das erfolgreichste deutsche Musical »Elisabeth« habe ich als Resident Director betreut und eine ungeheuer phantasievolle Art, Theater zu spielen, in Marionetten gefunden.
Mir macht es Spaß, zwischen den Stühlen zu sitzen – aufgeregt und erwartungsvoll.
